Harun Yahya

Zu Tode verurteilte Fl├╝chtlinge



Menschliche Körper, aufgestapelt in einem Lastwagen. Dies könnte eines der besorgniserregendsten Zeichen dessen sein, wie sehr die Bedeutung des Menschseins für einige verkümmert ist. Letzte Woche wurde berichtet, dass 72 Flüchtlinge in einem Lastwagen durch Luftmangel erstickt sind. Es ist unklar, wie diejenigen, die diese Menschen in diese überfüllten Boote und Lastwagen gesteckt haben, imstande sein werden, dieses tragische Ereignis mit ihrem Gewissen zu vereinbaren und ihr Leben normal weiterzuführen. Waren diese notleidenden Menschen wirklich so wertlos in den Augen derer, die sich nur um Geld scheren?

Die Bevölkerung hat eine Zeremonie in Budapest im Gedenken an den Tod jener 72 Menschen abgehalten. Das Ziel war sicherzustellen, dass das Ereignis nicht vergessen und die Aufmerksamkeit auf die Menschenhändler gelenkt wird. Sprachlosigkeit überkam die Bevölkerung beim Anblick - an die libysche Küste angespülter - verstorbener Kinder. Dieses Mal waren es die Menschenhändler, die jene wehrlosen Menschen getötet haben und das vor den Augen Europas.

Europa steht der schlimmsten Flüchtlingskrise seit dem zweiten Weltkrieg gegenüber, und bedauerlicherweise versagt es in jeder Hinsicht bei dieser Aufgabe. Im letzten Jahr hat Europa Schlagzeilen gemacht, als es sich dafür entschied, die Hilfe für Flüchtlinge zu stoppen, die um das Überleben auf offenem Meer kämpfen. Doch nun ist das Flüchtlingsproblem zu sehr gewachsen, um dieses rücksichtslose Vorgehen weiterhin dulden zu können. Möglicherweise erinnert sich der Leser daran, wie im vergangenen Monat die 28 Mitgliedsstaaten der EU bei dem Flüchtlingsthema sich gegenseitig den Ball zuspielten, um am Ende des Tages so wenig dieser hilfsbedürftigen Menschen wie möglich aufnehmen zu müssen. Menschliche Grundwerte werden hier von wirtschaftlichen Interessen der größten Volkswirtschaften der Welt überschattet. Die Hilfe für diese leidenden Menschen wird an die völlig irrsinnige und unethische Voraussetzung gekoppelt, dass die Wirtschaftsleistung keinerlei „Schaden“ daran nimmt.

Aufgrund der steigenden Zahl der Flüchtlinge, welche Unterschlupf in Europa suchen, sahen sich die EU-Staaten gezwungen, gewisse Schritte einleiten zu müssen. Die Errichtung eines Lagers für Flüchtlinge nach gewalttätigen Vorfällen auf der mazedonischen Grenze, und die Entscheidung Deutschlands, syrische Flüchtlinge einzulassen und sie nicht zu deportieren, sind natürlich alles erfreuliche Maßnahmen. Dabei nicht unvorstellbar die Warnung der Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wenn wir es nicht schaffen die Flüchtlinge auf gerechter Weise aufzuteilen, wird natürlich die Frage von Schengen auf der Tagesordnung für viele stehen“. Bekanntermaßen ermöglicht das Schengener Abkommen die Reisefreiheit zwischen den meisten EU-Staaten. Diese Worte scheinen durchaus gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass die meisten Flüchtlinge und Migranten versuchen nach Deutschland auszuwandern. Es stellt sich die Frage, ob die Türkei, der Jordan oder Libanon auf eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge unter diesen Ländern bestehen, trotz den mehr als 4 Millionen eingelassenen Flüchtlingen? Natürlich nicht. Die Menschen, die Schutz hinter unseren Grenzen suchen, sind hilfsbedürftig, Menschen, die sich im Angesicht des Krieges schützen, und überleben wollen. Und wir haben die Verantwortung, ihnen Schutz und Sicherheit zu gewähren, um dadurch die Zufriedenheit Gottes erlangen zu können. Im Gegensatz zu einigen Europäern, betrachten wir dies als eine Gelegenheit, um wachsen, uns verbessern und geistige Tiefe erlangen zu können.

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, ist einer der härtesten Kritiker von Europas Flüchtlingspolitik. Es war Schulz, der gesagt hat, „Einige Europäer machen einen ernsten Fehler, das Mittelmeer hat sich in ein Massengrab verwandelt.“

Der französische Außenminister Laurent Fabius hat die Verweigerung einiger europäischer Länder, Flüchtlinge zu akzeptieren, als einen Skandal bezeichnet. Fabius hat Ungarns Entscheidung, Rasiermesserleitungen entlang der Grenze zu stellen, um den Fluss von Flüchtlingen zu bremsen als „unvereinbar mit den Werten der EU“ kritisiert. Doch wie lauten diese EU-Werte? Basieren sie auf Wachstum und Entwicklung oder auf Menschlichkeit? Wenn es die Menschlichkeit ist, die im Vordergrund steht, dann hätte Europa diesen Kampf gegen Flüchtlinge, der nun zweifellos einen Schandfleck in der Geschichte Europas darstellt, niemals beginnen dürfen. Ein Großteil der europäischen Politiker und der Bevölkerung sei davon ausgenommen. Viele setzten sich für die Flüchtlinge ein, und gewährten ihnen Schutz und Sicherheit. Trotz der steigenden Anzahl gewaltsamer Vorfälle gegen Flüchtlinge in Deutschland, hat die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung diese verurteilt und an den „Willkommen Flüchtlinge“ Versammlungen teilgenommen.

An dieser Stelle soll der in letzter Zeit viel diskutierte Unterschied zwischen Migranten und Flüchtlingen, näher erläutert werden. Menschen, die wegen Krieg und Unterdrückung zur Flucht aus dem eigenem Land genötigt werden, werden als Flüchtlinge bezeichnet. Diese hilfsbedürftigen Menschen sind nach internationalem Gesetz durch ein Abkommen aus dem Jahr 1951 geschützt und können nicht gezwungen werden, nach Hause zurückzukehren. Migranten hingegen sind Menschen, die ohne in ihren eigenen Ländern verfolgt zu werden, aus ihren Heimatländern ausreisen, auf der Suche nach einem besseren Lebensstandard in einem fremden Land. Zu solch einer Zeit ist es natürlich selbstverständlich, Flüchtlingen einen gewissen Vorrang zu gewähren und den Migranten vorzuziehen. Tatsächlich gewährleisten die Vorschriften einiger europäischer Länder dies bereits. Doch nicht zu vergessen ist die Lage der Balkanländer, aus denen der größte Teil der Migranten in Europa stammt.

Der erste Schritt zur Lösung dieses Problems ist es, die Bearbeitung der Anfragen seitens einiger Länder im Balkan, in den EU-Verhandlungen zu beschleunigen und die entsprechenden Maßnahmen hierfür schnellstmöglich einzuleiten. Denn das, was wir in Europa sehen wollen, ist nicht wie Länder von Armut geplagt werden, sondern, dass Europa weiter zusammenwächst und sich damit wirtschaftlich weiterentwickelt. Wir dürfen nicht vergessen, dass dies die ursprüngliche Idee hinter der Europäischen Union war.

Einige werden sich fragen, „Wie kann sich die EU das alles leisten?“. Die EU hat durchaus die Mittel, dies zu tun. Jeder Interessierte kann einen Blick auf die Türkei werfen, einem Land, in einer weitaus schwächeren Wirtschaftslage im Vergleich zu vielen europäischen Ländern, welches die Verantwortung für die ausnahmslose Aufnahme aller Flüchtlinge und deren Betreuung übernommen hat. Eine solche Opferbereitschaft würde zweifellos in Form einer Aufwertung moralischer Werte in den entsprechenden europäischen Ländern zurückkehren. Europa braucht jetzt den Willen dazu, eine konkrete Maßnahme zu ergreifen, um diesen Flüchtlingen zu helfen.

Desktop View